Zweisprachige Kinderbücher schaffen eine Gleichwertigkeit beider Sprachen

“Bilingualism causes no delay, it is my super power”

Für viele Jahre wurde die Mehrsprachigkeit als Makel betrachtet. Heute wissen wir, dass sie viel eher als Gewinn gesehen werden sollte. Nach aktuellem Forschungsstand gibt es sogar kognitive Bereiche, in denen mehrsprachige Kinder tendenziell bessere Leistungen erbringen:

1. Mehrsprachige Kinder besitzen eine erhöhte Fähigkeit, die Perspektive Anderer einzunehmen (Theory of Mind). Sie können häufig Gefühle, Einstellungen, Erwartungen und Meinungen bei sich selbst und bei anderen Personen besser wahrnehmen und verstehen. In einem Test zur Überprüfung dieser These bekamen Kinder z.B. eine Keksdose, in der sich keine Kekse befanden, sondern Murmeln. Als sie die Dose öffneten, waren sie entsprechend überrascht. Daraufhin fragte man die Kinder, was wohl eine Person, die die Dose noch nicht geöffnet hat, über den Inhalt vermuten würde. Mehrsprachige Kinder antworteten in diesem Experiment zumeist: „Kekse“, wohingegen einsprachige Kinder desselben Alters mehrheitlich mit „Murmeln“ antworteten. Diese Fähigkeit der Perspektivübernahme stellt ein Meilenstein in der kognitive Entwicklung dar, den mehrsprachige Kinder ein bis zwei Jahre früher als einsprachige Kinder erreichen (Barac/Bialystok 2011).

2. Mehrsprachige Kinder benötigen die soziale Fähigkeit je nach Kontext des täglichen Lebens zu entscheiden, welche Sprache sie aktivieren müssen (Language Mode). Dieses Wahrnehmungssystem aktiviert bestimmte Regionen im Gehirn, die den Wechsel von Aufgaben und die Aufmerksamkeit kontrollieren. Bei mehrsprachigen Kindern ist dieses Gehirnareal besonders ausgeprägt, da sie diese Aufgaben permanent bewältigen müssen (Bialystok 2016).

3. Die Sprachbewusstheit (Metalinguistic awareness) ist bei mehrsprachigen Kindern besonders ausgeprägt. D.h. sie sind sich verschiedener sprachlicher Strukturen bewusst und besitzen schon früh die Fähigkeit, gezielt auf diese zuzugreifen, da sie es gewohnt sind zwischen zwei oder mehr Wörtern für den gleichen Gegenstand auszuwählen. Deshalb fokussieren sie sich eher auf die Bedeutung von Wörtern, weil sie mit den unterschiedlichen Lauten keine Schwierigkeiten haben. In einem Test fragte man sechsjährige Kinder, welches Wort ähnlicher zu „cap“ (Kappe) sei und gab ihnen die Auswahlmöglichkeit zwischen „cat“ (Katze) oder „hat“ (Hut). Mehrsprachige Kinder antworteten hier mit „hat“, wohingegen einsprachige Kinder häufiger behaupteten „cat“ sei näher an „cap“. Dieser Unterschied erklärt sich daraus, dass sich einsprachige Kinder eher auf die Form bzw. den Laut konzentrierten. Die mehrsprachigen Kinder jedoch beachteten in diesem Fall eher die ähnliche Bedeutung von „cap“ und „hat“ (Bialystok in Fehlings de Acurio 2016). Letzteres ist eine Fähigkeit, die insbesondere für die Entwicklung des komplexen Sprachgebrauchs von Kindern sowie für den Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit entscheidend sind.

Diese kognitiven Vorteile steigen mit der Zeit, die die Eltern in die Mehrsprachigkeit ihrer Kinder investieren.

Als Mutter eines zweisprachigen Mädchens und auch als Sprachwissenschaftlerin weiß ich, was für ein tolles Werkzeug Bücher für die Entwicklung der Sprache sein können. Durch Bücher werden Kinder mit unterschiedlichen Lauten und Bedeutungen von Wörtern konfrontiert, die über den Alltag hinausgehen. Genau das ist für mehrsprachige Familien eine große Hilfe, besonders wenn sie die Minderheitssprache mehr fördern möchten.

Die Sprachbewusstheit (Metalinguistic awareness) ist bei mehrsprachigen Kindern besonders ausgeprägt

Zweisprachige Kinderbücher sind dafür ein Schatz für uns Eltern, denn jedes Elternteil kann bei seiner eigenen Sprache bleiben und muss die Geschichten in keiner Form übersetzen. Dabei schaffen sie außerdem die Gleichwertigkeit beider Sprachen, die den Kindern unbedingt vermittelt werden sollte. Sie bieten andere Perspektiven, zeigen Vielfalt auf und schaffen ein interkulturelles Bewusstsein. Die Kinder lernen andere Lebensformen und andere Welten kennen.

Dabei erkennen sie sich auch selbst in Büchern wieder oder identifizieren sich etwa mit den Protagonisten, mit dem sie sich oft sogar noch nach dem Lesen auf eine Reise in ihre Fantasie begeben. Das Buch wird so zu einer Art Spiegel, in dem die Kinder diese beiden Perspektiven entdecken können.

Der Einsatz zweisprachiger Bücher kann vielseitig gestaltet werden. So kann man z.B. die Kinder dazu auffordern, die Geschichte selbst zu erzählen, nachdem Ihr sie in beiden Sprachen vorgelesen habt. Eure Kinder entscheiden dann selbst, welchen Teil sie in welcher Sprache erzählen. Die Illustrationen liefern einen sehr guten Anlass für mehr Beschreibungen und mehr Interaktion in der Vorlesezeit. Auch das Aufnehmen des Buches als Audiodatei (selbst eingesprochen) funktioniert super. Ich habe es bereits mit meiner Tochter getestet. Es hilft ihr, sich das neue, ungewohnte Vokabular in beiden Sprachen noch besser einzuprägen. Außerdem können beispielsweise die Namen der Tiere oder der Gegenstände in beiden Sprachen wiederholt werden oder das Buch wird auch mal ohne den Text ausschließlich als Wimmelbuch genutzt, um die Vokabeln in beiden Sprachen zu üben. Kurz gesagt, man kann viel mehr aus Büchern herausholen und es wird nie ein Spielzeug sein, das aus der Mode kommt.

Ich hoffe, du konntest mit diesen Tipps mehr Motivation für deine mehrsprachige Erziehung finden. Obwohl der Weg nicht immer einfach ist, werden unsere Kinder am Ende froh sein, dass wir es durchgezogen haben.

Con cariño
Rebeca Imberg
Referentin für das Thema Mehrsprachigkeit in der Familie
Beraterin für mehrsprachige Familien
www.bilikids.de